Die Konzerte
Donnerstag, 30. Juli 2026, 20 Uhr
Eröffnungskonzert der Stadtwerke Kamp-Lintfort
Abteikirche Kloster Kamp
Joseph Haydn:
Quartett C-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, op. 20,2; Hob. III: 32
Olivier Messiaen:
aus dem Quatuor pour la fi n du Temps: Abîme des oiseaux für Klarinette solo
Wolfgang Amadeus Mozart:
Divertimento Es-Dur für Violine, Viola und Violoncello, KV 563
„In Nomine Domini“, im Namen des Herrn, begann Joseph Haydn 1772 die Niederschrift seiner Streichquartette Opus 20 und beendete sie mit dem Dank an den „allmächtigen Gott“ und die „allerseligste Jungfrau Maria“. Das Autograph dieser Quartette, das der leidenschaftliche Autographensammler Johannes Brahms 1885 erwarb und der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien vermachte, bezeugt wie kaum eine andere Handschrift Haydns Gottesfürchtigkeit. In diesen Streichquartetten entwickelte Haydn das maximale Maß an Kunstfertigkeit, das zu dieser Zeit für dieses Genre überhaupt möglich war. So führte er das Streichquartett in eine moderne und emanzipierte Form über, die bis heute als Inbegriff kompositorischer Kunstfertigkeit und Konzentration gilt.
Als Olivier Messiaen im Juni 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, kam es dort zu der denkwürdigen Uraufführung eines für den Klarinettisten Henri Akoka (1912–1976) geschriebenen Solostücks. Im darauffolgenden Jahr ging dieses Stück als dritter von insgesamt acht Sätzen unter dem Titel Abîme des oiseaux (Abgrund der Vögel) in sein Quatuor pour la fin du temps (Quartett für das Ende der Zeit) ein. Messiaen beschreibt diesen Satz folgendermaßen: „Klarinetten-Solo. Der Abgrund, das ist die Zeit mit ihrer Traurigkeit und Müdigkeit. Die Vögel sind das Gegenteil der Zeit. Sie sind unser Verlangen nach Licht, nach den Sternen und Regenbögen und nach jubilierenden Stimmen!“
Wolfgang Amadeus Mozart komponierte dieses außergewöhnliche Werk mit 31 Jahren – vier Jahre vor seinem Tod. In den drei Monaten zuvor hatte er seine letzten drei Symphonien komponiert. Nachdem er schon eine Reihe von meisterhaften Streichquartetten und -quintetten komponiert hatte, war das Divertimento Es-Dur KV 563 seine erste und einzige Komposition für Streichtrio. Indem er die intime Besetzung mit einem Übermaß an Einfallsreichtum verband, schuf er sein umfangreichstes Kammermusikwerk und vermied dennoch jede mögliche Monotonie, indem er die Tempi und formalen Strukturen der sechs Sätze vielfältig variierte. Das Divertimento ist seinem Freimaurerbruder und Gönner Michael Puchberg gewidmet.
Freitag, 31. Juli 2026, 20 Uhr
Freitagkonzert
Ev. Dorfkirche Vluyn
Adolf Busch:
7 Bagatellen op. 53a für Klarinette, Viola und Violoncello
Leo Weiner:
Trio für Violine, Viola und Violoncello op. 6
Johannes Brahms:
Quintett G-Dur für zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello, op. 111
Mit dem Namen Adolf Busch verbindet man in erster Linie den bedeutendsten deutschen Geiger zwischen den beiden Weltkriegen – den Künstler, in dem manche seiner Zeitgenossen den legitimen Erben Joseph Joachims sahen. Zudem denkt man an das Busch-Quartett, das vielleicht berühmteste Streichquartett in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und das nicht minder Aufsehen erregende Busch-Serkin-Trio. Den Komponisten Adolf Busch gilt es dagegen erst noch zu entdecken. Gedankliche Tiefe und Humor sind die Grundlage für den immensen musikalischen Einfallsreichtum, der sich in den Sieben Bagatellen op. 53a für Klarinette, Viola und Cello (1936) ungehindert entfaltet. Das Werk gehört zum Schönsten, was die Kammermusik für Klarinette zu bieten hat: eine stets zugängliche melodische Schönheit, eingebettet in ein elegant dahinfließendes Stimmengefüge, in dem Klarinette und Streichinstrumente gleichberechtigt behandelt und reizvoll ineinander verwoben werden. Eine echte Busch-Entdeckung beim Kammermusikfest Kloster Kamp 2026.
Leó Weiner wurde 1885 in Budapest geboren und begann bereits als Jugendlicher mit dem Klavierstudium. 1901 trat er in die Musikakademie Budapest ein und studierte Komposition. Sein Aufstieg verlief kometenhaft, und man betrachtete ihn weithin als „Wunderkind“: Zwischen 1903 und 1908 gewann er praktisch alle bedeutenden ungarischen und österreichischen Wettbewerbe. Kritiker bezeichneten ihn als den „ungarischen Mendelssohn“. Weiner war im Wesentlichen ein romantischer Komponist, der der traditionellen Tonalität treu geblieben ist. Sein Streichtrio entstand 1908 und galt nahezu sofort als Meisterwerk – ein Stück voller fesselnder Melodien, großer Lebhaftigkeit und heiterer Momente, gewürzt mit exotischen Harmonien. Am Ende verbindet das Finale Schwung und Fröhlichkeit.
Mit seinem 2. Streichquintett in G-Dur, op. 111, sah Johannes Brahms sein Schaffen im Sommer 1890 erst einmal für beendet an. Beim Abschied von seinem Aufenthalt in Bad Ischl habe er, so ließ er seinen Verleger Simrock wissen, „viel Notenpapier in die Traun geworfen“. Man vermutet, dass sich darunter auch die Skizzen zu einer 5. Sinfonie befanden. Das Gerücht, es seien Themen dieser Sinfonie ins G-Dur-Quintett eingeflossen, hat angesichts des sinfonischen Charakters gerade des Kopfsatzes einiges für sich. Vom geradezu überschwänglichen Hauptthema des 1. Satzes abgesehen, ist die Atmosphäre des Quintetts von zarteren Stimmungen geprägt, die von sanfter Resignation bis hin zu tiefer Trauer reichen. Eine Art melancholischer Heiterkeit und eine dem Csárdás abgelauschte Fröhlichkeit mischen sich in das vielgestaltige „Tongemälde“ dieses vielleicht am vielschichtigsten, lebendigsten und differenziertesten gestalteten Streicherwerks von Brahms.
Samstag, 1. August 2026, 15Uhr
Tea Time -Konzert, Nachklang mit Tee und Scones
Rokokosaal Kloster Kamp
Ralph Vaughan Williams:
Nocturne und Scherzo für Streichquintett
Edward Elgar:
Salut d’Amour op. 12 und La capricieuse, op. 17 für Violine und Klavier
Edward Elgar:
aus dem Streichquartett e-Moll op. 83, 3. Satz Allegro molto
York Bowen:
Romance für Viola und Klavier, op. 85 Nr. 1
Rebecca Clarke:
Danse bizarre für 2 Violinen und Klavier
Edward Elgar:
Chanson de Matin op. 15 Nr. 2 für Violoncello und Klavier
Frank Bridge:
Scherzetto für Violoncello und Klavier
Cyril Scott/Fritz Kreisler:
Lotusland op. 47 Nr. 1 für Violine und Klavier
Edward Elgar:
Bizarrerie op. 13 Nr. 2 für Violine und Klavier
Frank Bridge:
„Phantasy Quartet“ fi s-Moll für Violine, Viola, Violoncello und Klavier
Mit der „Tea Time“ im Rokokosaal von Kloster Kamp entsteht im Kammermusikfest auch in diesem Jahr wieder ein besonderer Konzertmoment mit musikalischem Nachklang bei Tee und Scones, der den Musikgenuss und persönliche Begegnungen auf elegante Weise miteinander verbindet. Im Mittelpunkt steht die faszinierende englische Klangwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – eine Zeit zwischen viktorianischer Noblesse, impressionistischen Farben und dem Aufbruch in die musikalische Moderne. Werke von Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams, Rebecca Clarke, Frank Bridge oder York Bowen entfalten dabei eine Atmosphäre voller Charme, feiner Melancholie und britischer Exzentrik. Zwischen Salonstück, poetischer Fantasie und leidenschaftlicher Kammermusik entsteht ein Nachmittag, der nicht nur Musik erklingen, sondern eine ganze Epoche lebendig werden lässt – stilvoll, überraschend und mit viel Raum zum Verweilen und Genießen.
Samstag, 1. August 2026, 20 Uhr
Prime Time -Konzert in der Classic Hall
Sammlerstücke Moers
Igor Stravinsky:
Suite für Klarinette, Violine und Klavier, aus L’Histoire du Soldat
Arvo Pärt:
Mozart-Adagio für Violine, Violoncello und Klavier
Joseph Haydn:
Trio C-Dur für Violine, Violoncello und Klavier Hob. XV: 27
Anton Arensky:
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 d-Moll, op. 32
Im historischen Ambiente der Zeche Rheinpreußen hat das Kammermusikfest Kloster Kamp einen außergewöhnlichen Konzertsaal von ganz besonderer Atmosphäre gefunden. In der ersten Konzerthälfte kommt es zu einer Begegnung zwischen Igor Strawinskys L’Histoire du soldat und Arvo Pärts klangvoller Stille. Seine tiefe Affinität zu Mozarts Musik würdigt Pärt durch die Transkription eines der bewegendsten Klaviersonatensätze des noch jungen Vorbilds: des Adagios aus der Sonate in F-Dur, KV 280. Es handelt sich um eine behutsame, ehrfurchtsvolle Recomposition. Dabei halten sich die Originalelemente Mozarts und die extrem reduzierten Elemente Pärts die Waage. So entsteht eine spirituelle Begegnung zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert – eine Musik von großer innerer Spannung und Menschlichkeit, die gerade in einer aufgeheizten Weltlage eine besondere Dringlichkeit entfaltet und in der Industriekultur der Halle eine seltene Nähe und Intensität gewinnt.
Eines der beliebtesten Klaviertrios von Joseph Haydn, das C-Dur-Trio Hob. XV:27, komponierte der Meister 1795 während seines zweiten Englandaufenthalts. Die Virtuosität des Klaviersatzes ist hierbei bemerkenswert. Mit großen Gesten, starken Forzato-Akzenten, aber auch mit musikalischem Humor setzt das Werk auf Kontraste, die bereits auf Beethoven vorausweisen. Das Finale zählt zu Haydns populärsten Tonschöpfungen.
Gibt es einen anderen Komponisten, dessen mit Abstand bekanntestes Werk ein Klaviertrio ist? Und wer ist überhaupt dieser Arensky, dessen Opus 32 in der zweiten Konzerthälfte erklingen wird?
Zu den heute weitgehend vergessenen Werken Anton Arenskys zählen drei Opern, zwei Sinfonien, ein Klavier- und ein Violinkonzert sowie zahlreiche Chorwerke und Lieder. Sein Einfluss als Lehrer war hingegen außerordentlich bedeutend: Als Professor am Moskauer Konservatorium gehörten unter anderem Skrjabin, Rachmaninow und Glière zu seinen Schülern. Arenskys wichtigste Inspirationsquelle – besonders in diesem Trio – ist der kosmopolitische Stil Tschaikowskys. Das Trio d-Moll wurde 1894 komponiert und ist überwiegend von üppiger Lyrik und tiefer Melancholie geprägt.
Sonntag, 2. August 2026, 11 Uhr
Matinée
Schloss Ossenberg
Wolfgang Amadeus Mozart:
Trio Es-Dur für Klavier, Klarinette und Viola, KV 498, “Kegelstatt-Trio”
Dora Pejacevic:
Trio für Klavier, Violine und Violoncello C-Dur op. 29
Franz Schubert:
Streichtriosatz D 471
Felix Mendelssohn-Bartholdy:
Quartett f-Moll für Klavier, Violine, Viola und Violoncello, op. 2
Das Programm dieser Matinee verbindet Freundschaft, Wärme und jugendliche Leidenschaft. Es führt vom spielerischen Charme Mozarts bis zur romantischen Intensität Mendelssohns.
Mit dem berühmten „Kegelstatt-Trio“ KV 498 von Wolfgang Amadeus Mozart – einem Werk voller Eleganz und heiterer Gelassenheit – beginnt die Matinee. In seiner ungewöhnlichen Besetzung für Klavier, Klarinette und Viola entsteht eine intime Klangsprache, die wie ein entspanntes Gespräch unter Freunden wirkt. Gemeinsam mit Mozart an der Bratsche musizierten damals sein enger Freund, der Klarinettenvirtuose Anton Stadler, und Mozarts Klavierschülerin Franziska Jacquin. Es gibt eine unbestätigte Legende, nach der Mozart dieses Trio während eines Besuchs in einer Kegelbahn komponiert habe, was dem Werk besondere Aufmerksamkeit verschafft hat.
Einen besonderen Schwerpunkt des Vormittags bildet das Trio C-Dur op. 29 von Dora Pejačević. Die komponierende Gräfin Dora Pejačević wird in ihrer Heimat Kroatien heute noch gefeiert, in ihrer Wahlheimat München jedoch kennt man sie kaum. Als eine der faszinierendsten musikalischen Stimmen der europäischen Spätromantik wird sie auch hierzulande in den letzten Jahren wiederentdeckt. Ihr Trio zeigt eindrucksvoll, warum ihr Schaffen heute einen selbstverständlichen Platz auf den Konzertpodien verdient – und somit auch bei dem Kammermusikfest Kloster Kamp. Ihre Musik besitzt eine unmittelbare Wärme und zugleich eine bemerkenswerte Eigenständigkeit: voller Farben, Sehnsucht und Tiefe.
Nach der Pause erklingt in Franz Schuberts Streichtriosatz D 471 noch einmal jene unverwechselbare Mischung aus Leichtigkeit und Melancholie, bevor Felix Mendelssohns frühes Klavierquartett f-Moll op. 2 den Vormittag mit jugendlichem Feuer und romantischer Dringlichkeit beschließt.
Sonntag, 2. August 2026, 19 Uhr
Abschlusskonzert
Schloss Bloemersheim
Johannes Brahms:
Sonate für Klarinette und Klavier f-Moll, op. 120 Nr. 1
Walter Rabl:
Quartett für Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier op. 1
Antonín Dvorák:
Quartett Es-Dur für Violine, Viola, Violoncello und Klavier, op. 87
Der festliche Abschluss auf Schloss Bloemersheim bildet ein Programm voller Empfindsamkeit, Melancholie und überschäumender Lebensfreude.
Nach dem Streichquintett op. 111 und Jahren der Zurückgezogenheit widmete sich Johannes Brahms wegen einer folgenschweren Begegnung wieder der Komposition: 1891 hörte er in Meiningen den Klarinettisten Richard Mühlfeld. Seine Begeisterung für dessen warmen Ton und die Tiefe seiner Interpretationen führte zu einer erneuten Schaffensperiode und bescherte der Nachwelt noch eine Reihe von großartigen Werken mit Klarinette. Unter anderem komponierte er 1894 zwei Klarinettensonaten op. 120, mit denen er und Mühlfeld durch Deutschland und Österreich tourten. Brahms war so begeistert und dankbar, dass er Mühlfeld sämtliche Einnahmen aus ihren Aufführungen überließ, ihm lebenslange Aufführungsrechte einräumte und die Manuskripte beider Sonaten schenkte.
Wenn Liebhaber der Kammermusik den Namen Walter Rabl nicht kennen, kann man ihnen das kaum verübeln. Rabl wurde in Wien geboren und studierte dort sowie in Salzburg und Prag. Gerade sein Klavierquartett ebnete ihm den Weg zum Erfolg. Er reichte das Werk 1896 bei einem Wettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins ein. Johannes Brahms, der Vorsitzende der Jury, zeichnete das schon außerordentlich reife Werk mit dem ersten Preis aus und empfahl es seinem Verleger Simrock, der es im folgenden Jahr veröffentlichte. Rabl widmete das Quartett Johannes Brahms.
Nach der Pause entfaltet sich mit dem Klavierquartett Es-Dur op. 87 von Antonín Dvořák ein mitreißendes Finale voller Farbenreichtum, böhmischer Melodik und rhythmischer Energie. Der Tonfall wechselt häufig zwischen kraftvoller, fast prahlerischer Begeisterung und inniger Lyrik, unterbrochen von Ausflügen in Passagen intensiver Leidenschaft. Ein glanzvoller Abschluss des Konzertabends und des Festivals auf Schloss Bloemersheim.

